Die Bibliothek für das Land Vorarlberg

von Harald Weigel
06.09.2017


Vom 12. bis 15. September 2017 findet in Linz der 33. Österreichische Bibliothekartag statt unter dem Motto „Wolkenkuckucksheim. Bibliotheken in der Cloud". Wie auch sonst präsentieren die Landesbibliotheken Projekte, Strategien und Neuerungen aus ihrem Aufgabenspektrum, diesmal „Regionalgeschichte im Netz“. Digitalisierung wird allerorten massiv vorangetrieben, im Internet präsent zu sein und so viel als machbar von den rechtlich möglichen Objekten gemeinfrei ins Netz zu stellen, ist ein Muss. Die Landesbibliotheken sind für ihr Bundesland dabei ein wesentliches Kompetenzzentrum, um historisches und aktuelles Wissen bereitzustellen, dabei auch das Land weltweit auf hohem Niveau zu präsentieren. Keine Zentrale wie etwa eine Nationalbibliothek vermag dies in derart umfassender und detailreicher Ausgestaltung für die einzelnen Regionen zu leisten. Die Vorarlberger Landesbibliothek hat bisher (Sommer 2017) 665.577 Zeitungsseiten, 83.269 Seiten von historischen Zeitschriften und 136.019 Bilder im Portal „volare“ digital aufbereitet und im Internet zugänglich frei gemacht. 31.000 Stunden digitales Radio- und Fernsehen sind aus urheberrechtlichen Gründen leider nur im Haus zu hören oder zu sehen. Die Netz-Präsenz für das Land auszubauen, erfordert auch in Zukunft eine große Anstrengung, die noch viel an Ressourcen benötigen wird.

Die Vorarlberger Landesbibliothek (VLB) weist gegenüber den anderen Landesbibliotheken allerdings eine Besonderheit auf. Sie ist nämlich in der Hauptsache Universalbibliothek und spielt eine zentrale Rolle als Bildungsinfrastruktur des Landes. Wir sagen salopp „Universitätsbibliothek ohne Universität“. Als „hybride“ Bibliothek mit einem physischen Angebot von ca. 530.000 Bänden, 1.500 laufenden Zeitschriften und eigens lizenziertem elektronischen Zugang zu über 23.000 E-Books, an die 10.000 digitalen Zeitungen und Zeitschriften und 108 Datenbanken erfüllt sie diese Funktion. Von den 7.800 aktiven Benutzerinnen und Benutzern sind die allermeisten an der fachwissenschaftlichen Literatur interessiert.

Aber diese zentrale Rolle als Bildungsinfrastruktur hat die VLB erst seit Ende der 1970er Jahre inne. Warum so spät die Einsicht in das Unverzichtbare? Schon die Reformanstrengungen Maria Theresias und Joseph II. in der Zeit der Aufklärung hatten Vorarlberg in dieser Hinsicht nicht erfasst. So sollten in allen Kronländern ohne Universität wenigstens Studienbibliotheken eingerichtet werden. Aber Vorarlberg war kein Kronland. Vorarlberg hatte lange keine Institutionen, die Wissen und Bildung über Schule und Kirche hinaus vermitteln konnten. Noch heute kommen die wenigsten hochqualifizierten Wissenschaftler zurück ins Land mangels entsprechender Institutionen.

Das Fehlen einer Landesuniversität ist auf vielen Ebenen zu spüren. Die VLB ist ein Baustein als Ersatz für die nicht vorhandene Universität: ein Informationszentrum für alle Fachgebiete, in der Breite auch für die Auszubildenden und Studierenden an spezielleren Einrichtungen wie der Fachhochschule, für die Kursteilnehmer in Schloss Hofen, für die Fachschulen und Höheren Schulen. Die VLB wurde selbst zum Bildungsanbieter: Die Kurse der „Teaching Library“ zur Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz besuchen mittlerweile jährlich 2.500 Schülerinnen und Schüler. Die Institutionalisierung dieser Kurse zur Unterstützung beim Erarbeiten der im Zuge der neuen Matura notwendigen Vorwissenschaftlichen Arbeit war eine Pionierleistung Vorarlbergs. Aber gerade bei diesen Kursen wird immer wieder sehr deutlich, wo die aktuell größten Defizite liegen. Die bauliche Situation aus den 1980er Jahren erfüllt nicht die Anforderungen, wie sie im 21. Jahrhundert für das einsame oder gemeinsame Lernen, für Seminare und Veranstaltungen an sich selbstverständlich sind. Die Bibliothek als sozialer Ort hat eine wesentlich größere Bedeutung als früher. Die Lesesäle und Kommunikationsflächen der Bibliotheken sind überall hochfrequentiert, man sollte sie anbieten können.

Dabei ist die VLB keine elitär abgeschottete Einrichtung. Das darf sie auch nicht sein, ohne ihren Bildungsauftrag zu ignorieren in einem Umfeld von einzelnen Spezialbibliotheken und vielen soliden, aber eher kleineren Büchereien, die meist anderen Besucherinteressen zu dienen haben als die vorwiegend wissenschaftliche Hauptbibliothek. Die Nutzerschaft ist umfassend: vom Pensionisten, der geistig nicht rosten will, bis zum Universitätsprofessor, vom Lehrling bis zur Studentin, es sind die sich beruflich oder privat Fortbildenden, Unternehmen auf Informationssuche oder diejenigen, die auch das unbewusste Lernen schätzen, nämlich durch gehobene Unterhaltung. Literatur oder auch Film und Musik erweitern den Horizont und liefern zusammen mit dem interdisziplinären Angebot den Humus, auf dem ein innovativer Geist sich entfalten kann. Die Bibliothek des Landes ist kulturelles Gedächtnis und Lebensnerv von Bildung in Vorarlberg.



Informationen zu Harald Weigel

Dr. Harald Weigel ist seit 1996 Direktor der Vorarlberger Landesbibliothek in Bregenz; war von 2002 bis 2013 Präsident der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB) und Sprecher von BAM-Austria (Bibliotheken, Archive und Museen Österreichs), seit 2006 ist er Präsident des Vereins Bibliotheken der Regio Bodensee mit 39 wissenschaftlichen Mitgliedsbibliotheken und aktuell Vorsitzender der Kommission für Landesbibliotheken der VÖB.

Harald.Weigel@vorarlberg.at]


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