Europaregion Tirol - ein nicht einfaches Projekt

von Wendelin Weingartner


In der Festschrift „Gegengabe“, die der langjährigen Leiterin des Tiroler Volkskunstmuseums, Herlinde Menardi zum 60. Geburtstag gewidmet ist, schreibt der frühere Landeshauptmann von Tirol, Wendelin Weingartner, über Geschichte, Entwicklung und Vision der Europaregion Tirol. Hier lesen Sie eine Zusammenfassung; die Langversion mit vielen historischen und aktuellen Details finden Sie auf http://www.foederalismus.at/news_detail.php?id=985.

Der Gedanke einer grenzüberschreitenden europäischen Region wurde zu Beginn der 1990er Jahre erstmals zur Diskussion gestellt. Die bevorstehende Umsetzung der Autonomien für die Provinzen Bozen und Trient hat Abgeordneten Siegfried Brugger veranlasst, über eine notwendige Reform der Region Trentino-Südtirol nachzudenken. An die Stelle der Region könne eine länderübergreifende Einheit treten, die vielleicht auch das Bundesland Tirol umfassen könnte.

Ein konkreter Anlass, die Europaregion Tirol als politisches Projekt aufs Tapet zu bringen, waren dann der EU-Beitritt Österreichs und vor allem das Inkrafttreten des Schengener Abkommens und damit verbunden die Beseitigung der Grenzbalken am Brenner, am Reschen  und an der Grenze bei Arnbach. In den Köpfen der Bürger ist diese Idee aber noch lange nicht angekommen, was wohl auch damit zu tun hatte, dass in der Realität Südtirol in dieser Zeit keinen gemeinsamen, sondern einen eigenständigen Weg suchte.

Die sensible, besondere Situation Südtirols ist nicht erst mit der Abtrennung nach dem ersten Weltkrieg entstanden. Ein Durchgangsland und damit aber auch ein Verbindungsland war das alte Tirol immer schon. Als Passland ist es auf beiden Seiten der niedersten Alpenübergänge Brenner und Reschen entstanden.  Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung Tirols lagen in dieser Verbindungsfunktion, aber auch im Spannungsfeld verschiedener Räume, die auch in den drei Sprachen, dem Deutschen, dem Italienischen und dem Ladinischen zum Ausdruck kam.

Diese Bedeutung hat das BundeslandTirol durch die gewaltsame Trennung verloren, es wurde in seiner kulturellen Identität auf die deutsch-österreichische Dimension beschränkt, es wurde zum westlichen Wurmfortsatz eines donaueuropäischen Raumes, es wurde zur Provinz. In Südtirol blieben zwar die multikulturellen Elemente Tirols erhalten. Mit dem Autonomiestatut 1972 wurde aber eine Trennordnung gefunden, die einem gedeihlichen Miteinander der Volksgruppen entgegensteht. Seit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union stünde einer engeren Zusammenarbeit und dem Wiedererlangen der Brückenfunktion der drei Landesteile nur mehr wenig im Wege.

In der politischen Realität ist Südtirol aber viele Jahre einen anderen Weg gegangen. Das Ziel der Politik besteht bisher darin, im Verband Italiens so etwas wie ein eigenständiger Regionalstaat zu werden. Dazu wurden erfolgreich Kompetenzen und auch das notwendige Geld aus Rom nach Südtirol geholt. Damit erfolgte auch eine konsequente Loslösung vom Bundesland Tirol. Die Gründung einer Universität in Bozen löste die Klammer zum Bundesland Tirol auf dem Gebiet der Wissenschaft und Forschung. Die Schaffung eines eigenen Landesmuseums setzte diesen Weg fort. Die Profilierung Südtirols als völlig eigenständige Region war auch aus vielen anderen Entscheidungen ablesbar:  Der  großen öffentlichen Förderung des Flughafens Bozen, dem Betrieb eines eigenen Fahrsicherheitszentrums, den Benzinvergütungen, um Tankfahrten nach Nordtirol zu verhindern, oder der praktischen Verhinderung von Gastspielen des Tiroler Landestheaters. Aus neuerer Zeit sind der Versuch, eine Medical school als Ausbildungsstätte für Südtiroler Medizinstudentenzu schaffen, oder die Entscheidung, bei der Weltausstellung in Mailand als Südtirol allein und nicht wie im Jahr 2000 in Hannover gemeinsam aufzutreten, zu nennen. Alle diese Strategien dienten offenkundig dazu, Südtirol als eigenständige Region ohne die Bindung an den Großraum Tirol zu positionieren.

Diese politisch doch etwas enge Strategie könnte vielleicht nun zu Ende gehen. Es gibt deutliche Anzeichen, dass die neue Führung in Südtirol wieder in größeren Räumen denkt. Als Teil einer Europaregion könnte Südtirol eigentlich nur gewinnen. Auch das Bundesland Tirol könnte an vielen vorbildlichen Einrichtungen Südtirols partizipieren. Vor allem könnte es wieder Teil eines spannenden Raumes sein. Mit dem Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) ist ein neues Rechtsgerüst Realität geworden. Jetzt geht es darum, diesen Rahmen zu füllen. Dies hängt von der Bereitschaft der drei Partner ab. Etwas gemeinsam zu machen, heißt immer auch, auf etwas Eigenes zu verzichten. Beispiele gibt es genug: Ein gemeinsamer Lawinenwarndienst, ein gemeinsames Bergrettungswesen oder eine gemeinsame, übergeordnete Tourismuswerbung. Wenn überhaupt, so können diese Gemeinsamkeiten sicher nur in kleinen Schritten verwirklicht werden. Aber der politische Auftrag ist Voraussetzung.

 



Informationen zu Wendelin Weingartner

Dr. Wendelin Weingartner war von 1993 bis 2002 Landeshauptmann von Tirol

wendelinw@gmx.at


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