Innovation in der Europaregion – Euregiolab 2016 in Alpbach

von Peter Bußjäger und Siegfried Walch


Der Innovationsfähigkeit eines Staates und einer Region kommt im globalisierten Standortwettbewerb essentielle Bedeutung zu. Das beweisen uns auch die mittlerweile schon fast inflationären Rankings, was etwa Innovationsfähigkeit oder Zukunftsfähigkeit von Staaten betrifft.

Bereits von daher war es ein wichtiger Ansatz der Verantwortlichen, dem diesjährigen Euregiolab die Themenvorgabe „Wirtschaftlicher Erfolg durch Stärkung und Beschleunigung der Innnovationsketten in der Europaregion“ zu machen. In einem jüngst publizierten Innovationsranking nimmt Österreich den eher mittelmäßigen 20. Platz ein. Die Schweiz liegt auf Platz 1, gefolgt von Schweden. Italien liegt auf Platz 29. Man kann Sinn und Nutzen solcher Rankings und die Methodik, auf der sie beruhen, kritisch hinterfragen. Einen gewissen Indikator stellen sie allemal dar. 

Für die Europaregion bedeutet dies, die Dinge dort, wo das rechtlich möglich ist, selbst in die Hand zu nehmen. Das ist auch der Sinn jeglicher Autonomie und jeglichen Föderalismus, die maßgeblichen Rahmenbedingungen selbst zu gestalten. Standortpolitik ist im Wesentlichen auch eine Konkurrenz von Rechtsnormen.

 

Wie ist das Lab zustande gekommen?

Das Europäische Forum Alpbach (EFA) und das Euregiobüro Tirol-Südtirol-Trentino luden im Herbst die Vertreter der Hochschulen aller drei Landesteile, Vertreter der Wirtschaft und andere  ausgewählte Meinungsbildner zu einem Beiratstreffen für den Tirol-Tag, um dabei auch das Thema für das Euregiolab im Folgejahr abzustimmen. Daraufhin fiel die Entscheidung, das Thema „Wirtschaftlicher Erfolg durch Stärkung und Beschleunigung der Innovationsketten in der Europaregion“ zu vertiefen.

Anschließend wurden auf Initiative des Euregiobüros in allen drei Landesteilen Persönlichkeiten mit Bezug zum Thema angesprochen und zum Auftakttreffen des Euregiolabs im Februar eingeladen. Dort wurde das Jahresthema weiter eingegrenzt, es wurden drei Arbeitsgruppen gebildet und die weitere Diskussion eingeleitet. Diese Vorgangsweise hat sich im Wesentlichen bewährt und führte nach einer zusammenführenden Diskussion der Mitwirkenden im Mai in Bozen und der ergänzenden Schlussredaktion zum diesjährigen Arbeitspapier.

 

Die Mitglieder des Labs konnten sich dann und wann des Eindrucks nicht erwehren, dass die Welt außer- und innerhalb der Europaregion ordentlich aus den Fugen geraten sei, sie hielten wohl richtigerweise dennoch an der Themenvorgabe fest. Eine Formulierung wie „Überwindung der (neuen) Grenzen am Brenner und in den Köpfen“ hätte vor mehr als einem Jahr wohl überraschend geklungen, heute ist sie es nicht mehr.

 

Die in unserem Thesenpapier formulierten Vorschläge sollen der Europaregion ein Stück weit den Weg weisen, den sie allerdings selbst gehen muss. Die Vorschläge sind unverbindlich, sie sind aber das gemeinsame Gedankengut eines von Expertinnen und Experten getragenen Labs.

 

Thesenpapier

Das Thesenpapier gliedert sich in drei Abschnitte. Abschnitt 1 formuliert die grundsätzlichen Herausforderungen der Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft. Welche Innovationen brauchen wir? Es gibt fünf zentrale Handlungsfelder: 

Die weiteren Abschnitte beinhalten dann die Vorschläge, die sich unmittelbar auf die Stärkung und Beschleunigung der Innovationskette beziehen, sowie auf die institutionellen Rahmenbedingungen. 

 

Es geht hier um Diversität und Kohäsion. Wir brauchen Austausch in einer Workshop-Umgebung, politische Entscheidungsträger, Unternehmer und Forscher müssen zusammengebracht werden. Diese Labs müssen multidisziplinär sein und Räume darstellen, wo Ideen ausprobiert werden können. Bei der Umsetzung dieser Ideen in die Praxis sollte die Politik versuchen, Risiken zu minimieren. Dem Lab ist natürlich klar, dass zu einer freien Wirtschaftsordnung auch das Scheitern gehört, aber das Risiko des Scheiterns sollte nicht zu groß sein.

 

Den Entscheidungsträgern in der Europaregion wird die Aufgabe zukommen, die Prozesse nicht nur wohlwollend zu begleiten, sondern aktiv zu unterstützen. Nur auf die Selbstorganisation der Beteiligten zu warten, reicht nicht. Man wird also nicht ohne Kümmerer, Facilitators oder Enablers, die sich der Dinge annehmen, auskommen. 

Hier kommt auch den Standortagenturen in der Europaregion eine bedeutende Rolle zu: Sie sollen und können eine gemeinsame Plattform bilden, die die Prozesse begleitet, fördert und unterstützt. Auf dieser Plattform sollte eine gemeinsame Wissenslandkarte, die Forschungszentren und Forschung visualisiert, die im Internet zugänglich ist und stets weitergeführt wird, abgebildet werden. Einen ersten Ansatz finden Sie auf der Broschüre mit dem Thesenpapier. Das ist natürlich noch sehr unvollständig, es fehlen zahlreiche kleinere Forschungszentren und –institute. Sie zeigt aber auch, dass wir noch stärker in die Regionen gehen müssen. Forschung sollte noch stärker dezentral zugänglich sein.

Die politischen Entscheidungsträger, die Landeshauptleute Kompatscher und Platter sowie Landesrätin Ferrari aus dem Trentino, haben diesen Vorschlag nicht nur für gut befunden, sondern die Umsetzung mittels einen Auftrages an die Standortagenturen in Aussicht gestellt. Damit würde ein großer Fortschritt in der Identitätsbildung der Euregio erzielt. Mitglieder des Labs werden das Thema jedenfalls weiterverfolgen und seine Umsetzung begleiten.

 

Woran aber lässt sich der Stellenwert des Euregiolabs und der vorgestellten Ergebnisse erkennen?

Die Bedeutung der Ergebnisse ist unmittelbar verbunden mit der  Rezeption der erarbeiteten Inhalte:

 

Mit Peter Drucker könnten wir sagen, das Euregiolab trägt dazu bei, einer noch ungeborenen Zukunft eine Idee aufzuzwingen, die den zukünftigen Ereignissen und Entwicklungen Richtung weist; und Drucker würde ergänzen: Die Zukunft vorhersehen heißt nichts anders als: Die Zukunft gestalten.

 

Kann das Euregiolab dem Anspruch „Zukunft mitgestalten“ gerecht werden?

Umberto Eco hielt zur Gestaltung der Zukunft Folgendes fest: Prophezeiungen sollte man nur vorsichtig aussprechen, denn die Zukunft kann sich schnell ändern. Es braucht nur in sechs Monaten ein Meteorit ins Mittelmeer zu fallen, und Ligurien würde zu einem Unterwasserparadies, während sich Basel in den schönsten Strand der Schweiz verwandelt.

Es zeigte sich beim diesjährigen Lab, dass es nicht immer gleich ein Meteorit sein muss, der die Rahmenbedingungen verschiebt oder neue Prioritäten erfordert. Während des ersten Halbjahrs 2016 und damit während dem eigentlichen Arbeitsbeginns des Euregiolabs zum Thema Innovation standen plötzlich andere Themen im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses in der Europaregion. Bedingt durch die öffentliche Diskussion zur zukünftigen Organisation der Brennergrenze. 

 

Soll das Euregiolab auf solche Entwicklungen eingehen?

Die Innovationskraft einer Region zu bündeln ist eine zentrale politische Aufgabe und die heute präsentierten Ergebnisse des Euregiolabs bieten wertvolle Anregungen für alle Entscheidungsträger in der Europaregion. Das Thema hat sich also als fruchtbarer Nährboden für entsprechende Gespräche und Beiträge im Lab bewährt. 

Die Eingrenzung des Labs auf ein einzelnes Thema verhindert aber die Bearbeitung aktueller Herausforderungen. Vielleicht wäre die Europäische Sicherheitslage und damit verbundene Schlussfolgerungen auf nationaler und regionaler Ebene eine Schuhnummer zu groß für das Euregiolab. 

Wir sehen aber, dass diese Entscheidungen kommunikative und faktische Wirkung auf die Wirtschaft der Euregio im Allgemeinen; insbesondere auf die Reisefreiheit der an- und abreisenden Touristen oder die Bewegungsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger in der Region selbst haben. Die Frage, wie sich eine Europaregion möglichen Konsequenzen einer veränderten Sicherheitslage oder -politik auf europäischer Ebene wappnen kann, hat uns allen im Februar unter den Nägeln gebrannt und wäre in Ergänzung zu den Arbeitskreisen „Innovation“ durchaus diskussionswürdig gewesen.

Wir regen als Begleiter des Euregiolabs daher an, neben dem vorgegebenem Jahresthema (heuer Innovation) bewusst Raum für die Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Anliegen zu geben. 

 

Sollte eine solche spontane Themenbesetzung durch das Lab gewünscht sein, müsste das Lab auch während des Jahres mit entsprechender Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden, damit sich einschlägig Interessierte in die Diskussionen des Labs einbringen können. Die Vorstellung und Veröffentlichung von Thesen muss aber wie bisher im Rahmen der Tirol-Tage in Alpbach erfolgen. 

In Ergänzung zu den bisherigen zwei Treffen der Euregiolab-Mitglieder im Februar und im Mai, könnte das zweite Treffen für aktuelle Fragestellungen in der Euregio geöffnet werden und zum Teil als Großgruppenveranstaltung  (z.B. World Cafe) organisiert werden. Wie bisher könnte das beauftragte Redaktionsteam die Ergebnisse dieses „offenen Euregiolabs“ in das Thesenpapier einarbeiten und für die Präsentation im Rahme der Tirol-Tage vorbereiten.

Abschließend halten wir fest, dass wir überzeugt davon sind, dass der vom Euregiobüro koordinierte „Ad hoc-Think Tank Euregio-Lab“ eine ausgezeichnete Plattform bieten kann, die Reflexion anstehender Herausforderungen und damit verbundener Lösungsansätze in der Euregio und über die Grenzen der drei Landesteile hinweg wahrzunehmen. Das Euregiolab sollte dafür genützt werden.

 

http://www.europaregion.info/de/europaeisches-forum-alpbach-tiroltag.asp

https://www.youtube.com/watch?v=5R5k6lPGxpw



Informationen zu Peter Bußjäger und Siegfried Walch

Univ.-Prof. Dr. Peter Bußjäger ist Direktor des Institutes für Föderalismus in Innsbruck. FH-Prof. Dr. Siegfried Walch ist Leiter der Departments und Studiengänge Master's Program und International Health & Social Management am Management Center Innsbruck.




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