Steuerautonomie als Motor wirtschaftlicher Entwicklung – Beispiel Schweiz
von Andreas Pehr, 10.03.2026In der Schweiz verfügen die 26 Kantone und ihre 2110 Gemeinden über weitreichende fiskalische Kompetenzen und erhebliche Steuerhoheit. Sie können mitunter Einkommen-, Körperschaft-, Vermögens- und Erbschaftssteuern selbst festlegen. Das Resultat ist ein föderales Steuersystem mit einem hohen Maß an Autonomie auf subnationaler Ebene – ein System, das Wettbewerb zwischen den Gebietskörperschaften ermöglicht und zugleich demokratisch kontrolliert wird.
Steuerautonomie mit Wettbewerb
Seit Jahrhunderten erlassen die Schweizer Kantone eigene Steuergesetze, die sich an lokalen wirtschaftlichen Bedingungen und politischen Präferenzen orientieren. Die Steuerautonomie führte zu regional unterschiedlichen Steuerbelastungen und gerade diese Unterschiede eröffnen die Möglichkeit für einen Wettbewerb zwischen den Gebietskörperschaften. Sie konkurrieren nicht nur über Steuersätze, sondern auch über die Qualität öffentlicher Leistungen. Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen können dadurch ihre Standortentscheidung danach ausrichten, wo für sie das beste Verhältnis zwischen Steuerbelastung und staatlichen Leistungen vorzufinden ist.
Charakteristisch für das schweizerische System ist dabei die Besteuerung nach dem Wohnortprinzip, damit entspricht die Steuerautonomie stärker dem Äquivalenzprinzip, nach dem diejenigen zahlen sollen, die über die öffentlichen Leistungen entscheiden und davon profitieren.
Dabei nutzt die Schweiz ein sogenanntes «Piggy-Back-System»: Bund, Kantone und Gemeinden greifen auf dieselbe Steuerbasis zu. Zur Veranschaulichung: Auf Einkommen werden Steuern von allen drei Ebenen erhoben. Die Einkommensteuer ist dabei in den meisten Kantonen progressiv, allerdings variiert der Grad der Progression bedeutsam.[1] „Die maximalen Steuersätze für sehr hohe Einkommen [reichten 2024] von 22,22% in Zug bis zu 45,00% in Genf. […] Obwohl die Stadt Zug den niedrigsten Grenzsteuersatz aller Kantonshauptorte aufweist, kann beispielsweise im Kanton Schwyz (in der Gemeinde Freienbach) ein noch tieferer Steuersatz von 20,00% erreicht werden.“[2] Zwei kleinere Kantone – Uri und Obwalden – haben Elemente einer Flat-Tax eingeführt, um ihre Attraktivität für wohlhabende Steuerzahler zu erhöhen. Die Bundessteuer wird wiederum in ihrer Höhe durch die Bundesverfassung begrenzt und von den Kantonen eingehoben, nicht vom Bund selbst.
Direkte Demokratie als Kontrollmechanismus
Ein zentraler Stabilitätsfaktor des Systems ist die direkte Demokratie. Viele steuerpolitische Entscheidungen auf kantonaler Ebene können durch Referenden beeinflusst oder bestätigt werden. Steuererhöhungen oder größere Ausgabenprogramme benötigen häufig die Zustimmung der Bevölkerung.
Dieser Mechanismus begrenzt nicht nur die fiskalische Handlungsmacht der Regierungen, sondern sorgt auch dafür, dass Steuerpolitik eine hohe demokratische Legitimation besitzt. Die direkte Demokratie wirkt somit als Gegengewicht zu möglichen negativen Effekten des Steuerwettbewerbs und begrenzt die Gefahr übermäßiger Besteuerung.[3]
Chancen und Risiken
In diesem Zusammenhang formulierten Brennan und Buchanan (1977) das sogenannte «Leviathan-Argument»: Der Staat neigt zu übermäßiger Besteuerung, während Steuerwettbewerb entgegenwirkt. Schmidheiny (2017) zeigt, dass die Steuersätze in den meisten Kantonen seit Mitte der 1980er Jahre gesunken sind. In der Praxis finanzieren Kantone daher einen Teil ihrer Staatstätigkeit stärker über Gebühren und Beiträge, während Einkommen- und Vermögensteuern relativ moderat bleiben.
Steuerautonomie kann die Effizienz staatlicher Ausgaben erhöhen, weil Regierungen ihre Politik stärker an den Präferenzen der Bevölkerung anpassen müssen. Befürworter sehen in der Möglichkeit zur Abwanderung («foot voting») einen zentralen Mechanismus politischer Kontrolle: Wenn Bürgerinnen und Bürger ihren Wohnort wechseln können, um einer als ungünstig empfundenen Steuerpolitik oder Leistungsbereitstellung zu entgehen, entsteht Druck politische Entscheidungen näher an den Bedürfnissen der Bevölkerung auszurichten.[4] Gleichzeitig kann Steuerwettbewerb die wirtschaftliche Dynamik fördern, indem er Investitionen und Unternehmensgründungen begünstigt. Studien zeigen dabei einen positiven Zusammenhang zwischen Steuerwettbewerb und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.[5]
Vorteile der Steuerautonomie und des Steuerwettbewerbs:
- Gebietskörperschaften investieren effizienter und treffsicherer.
- Unternehmen und Fachkräfte werden angezogen - wirtschaftliches Wachstum und Innovationskraft werden gefördert.
Allerdings bestehen auch Risiken und Problemstellungen. Wohlhabende Steuerzahlende können ihren Wohnort relativ leicht wechseln und so einer höheren Besteuerung entgehen (vgl. Brülhart et al. 2019). Dadurch kann die Umverteilungswirkung progressiver Steuern abgeschwächt werden. Personen die Infrastruktur anderer Gemeinden nutzen (z.B. am Arbeitsort), entrichten ihre Steuer jedoch in der Wohnsitzgemeinde.
Zudem haben Unterschiede in der kantonalen Finanzkraft einen Einfluss auf staatliche Transfers. Werden finanzschwächere Regionen stark durch Transferzahlungen wie im Finanzausgleich unterstützt, kann dies bei Empfängerkantonen Anreize für laxere Budgetdisziplin sorgen, anstatt Reformen zur Stärkung der eigenen Steuerbasis zu fördern oder Ausgaben zu reduzieren.
Problemstellungen:
- Wohlhabende Bürgerinnen und Bürger können durch Umzug höhere Steuern vermeiden.
- Gebietskörperschaften können «Trittbrettfahren», indem sie öffentliche Leistungen anderer nutzen, ohne selbst ausreichend dazu beizutragen.
Innerstaatlicher Steuerwettbewerb wird daher häufig kritisiert. Gegner argumentieren oftmals, dass die Finanzkraft der Gebietskörperschaften möglichst ähnlich sein müsse, um einen «unfairen Wettbewerb» zu verhindern. Andernfalls drohe das wirtschaftsstärkere Regionen ihre Vorteile weiter ausbauen könnten. Ein Wettlauf zu den niedrigsten Steuersätzen könnte entbrennen und damit allen Gebietskörperschaften notwendige Finanzmittel entziehen, wobei vor allem schwächere Regionen die größte Nachsicht haben. Zudem wird befürchtet, dass staatliche Leistungen auf zu niedrigem Niveau bereitgestellt werden oder sozialstaatliche Verpflichtungen nicht ausreichend erfüllt werden könnten.
Allerdings begrenzt der föderale Finanzausgleich die Auswirkungen des Steuerwettbewerbs und schwächt ein fiskalisches «race to the bottom», was die Problemstellung tendenziell entschärft. Externalitäten zwischen Kantonen und/oder Gemeinden werden darüber hinaus vornehmlich über den Verhandlungsweg gelöst bzw. abgemildert.
Oft wird übersehen, dass auch in zentralisierten Steuersystemen Wettbewerb zwischen Regionen existiert. Selbst wenn Steuersätze vereinheitlicht sind, versuchen Regionen über Infrastruktur, Subventionen oder andere wirtschaftspolitische Maßnahmen Unternehmen anzuziehen. Steuerwettbewerb ist also nur eine von mehreren Formen regionaler Standortpolitik.[6]
Fazit
Steuerautonomie und Steuerwettbewerb sind zentrale Elemente des Schweizer Föderalismus. Die Kombination aus eigener Steuerhoheit, politischer Kontrolle durch direkte Demokratie und institutionellen Ausgleichsmechanismen (Finanzausgleich) hat ein System hervorgebracht, das sowohl wirtschaftliche Dynamik als auch fiskalische Stabilität fördern. Empirische Analysen zeigen dabei, dass […] Wettbewerbsföderalismus der Bewältigung großer wirtschaftspolitischer Herausforderungen wie solide Staatsfinanzen, Wirtschaftswachstum, Regulierung oder Einkommens(um)verteilung zuträglich ist.“[7]
Die Schweiz demonstriert, dass föderale Steuerautonomie und Wettbewerb erfolgreich kombiniert werden können und könnte so gegebenenfalls als Orientierung für Österreich im Rahmen der «Reformpartnerschaft» dienen.
Berset/Schelker (2023). Decentralization and Progressive Taxation, Public Finance Review, Vol. 51(2) 206–235.
Brennan/Buchanan (1977). Towards a tax constitution for Leviathan, Journal of Public Economics, 8(3), 255–273.
Brülhart et al. (2019). Behavioral Responses to Wealth Taxes: Evidence from Switzerland, CESifo Working Paper No. 7908.
Feld (2004), Fiskalischer Föderalismus in der Schweiz, Forum Föderalismus
Feld/Kirchgässner (2001). Income tax competition at the state and local level in Switzerland. Regional Science and Urban Economics, 31(2–3), 181–213.
Feld/Kirchgässner/Schaltegger (2003). Decentralised Taxation and the Size of Government: Evidence from the Swiss State and Local Governments, CESifo Working Paper No. 1087.
Feld/Schaltegger et al. (20217). Föderalismus und Wettbewerbsfähigkeit in der Schweiz, NZZ Libro
Krishnakumar/Martin/Soguel (2010). Explaining fiscal balances with a simultaneous equation model of revenue and expenditure: A case study of Swiss cantons using panel data. Public Budgeting & Finance, 30(2), 69–94.
Schaltegger (2001). Ist der Schweizer Föderalismus zu kleinräumig?, Swiss Political Science Review 7, 1-18.
Schmidheiny (2017). Emerging lessons from half a century of fiscal federalism in Switzerland. Swiss Journal of Economics and Statistics, 153(2), 73–101.
Soguel (2019). Tax Power and Tax Competition, in: Ladner et al. (eds.), Swiss Public Administration - Making the State Work Successfully, Palgrave Macmillan Cham, 273-290.
[1] Nils Soguel (2019)
[2] pwc Schweiz (2024), allen Berechnungen liegen folgende Annahmen zugrunde: Ehestatus ledig und keine Religion - https://www.pwc.ch/de/presse/steuervergleich-schweiz-2024.html
[3] Vgl. Jaya Krishnakumar et al. (2010)
[4] Lars P. Feld (2004)
[5] Lars P. Feld, Christoph A. Schaltegger et al. (2017)
[6] Lars P. Feld (2004)
[7] Lars P. Feld, Christoph A. Schaltegger et al. (2017: 297)
Informationen zu Andreas Pehr
Andreas Pehr ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Föderalismus in Innsbruck. andreas.pehr@foederalismus.at
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